Ostrale 013
7. internationale Ausstellung zeitgenössischer Künste Dresden

Katalogtext

In der Bildtradition konnten sich Sujets mit Bezug zu alltäglichen Handlungen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, im Zuge der voranschreitenden Säkularisierung und Industrialisierung, von ihren religiösen Bezügen befreien. Adolf Menzels Gemälde des »Eisenwalzwerks« ist in diesem Zusammenhang zu nennen und war im deutschen Kaiserreich die erste bedeutende Würdigung der Tätigkeit der Arbeiterklasse. Im 2o. Jahrhundert erhöhte sich der Grad der Abstraktion und die Einbindung dieses Genres in den dominierenden Ideologien. Günter Rangeards Arbeiten sind von dieser Tradition nicht befreit. Denn die großformatigen Fotografien aus »Main d'œuvre« des belgischen Künstlers verweisen schon allein durch den Bildtitel auf den schaffenden Menschen. Seine Bilder zeigen demnach weniger fertige Erzeugnisse, sondern den Einsatz der Hände als immernoch universelles Handwerkszeug in spezialisierten Handwerksbetrieben. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass in der komplexen und hoch entwickelten Welt Arbeitsprozesse in vielen Teilen von Maschinen kontrolliert und durchgeführt werden und so für den Einzelnen nicht mehr nachvollziehbar werden. Der Künstler anonymisiert jedoch das Individuum als den eigentlich Schaffenden. Gleichzeitig legt er seinen Fokus auf den hohen Wert der eigentlichen Arbeit, indem er seine Arbeiten monumentalisiert und wichtige Handlungen hervorhebt. Die geschaffene Unschärfe verstärkt zusätzlich die Aura der Bewegung und der Schnelligkeit. Indessen überschneiden sich die in den von Günter Rangeard gestalteten Bildern aufgenommenen Tätigkeiten mit seinem eigenem Werkprozess. Dieser ist für den Betrachter nicht sichtbar, zeugt jedoch von der Anwesenheit in jeder seiner Fotografien. Er muss sich für sein Endergebnis ebenfalls der Technik seiner Apparatur unterwerfen, insofern dokumentieren seine Bilder einmal mehr die Entfremdung der Menschen und ihre Abhängigkeit von maschinellen Abläufen und stehen daher in der bereits genannten Tradition der Bildfindung.